Welche Distanz?

Manchmal wird behauptet, Ving Tsun sei kämpfen auf kurze Distanz. Auf diese Weise könnte die Idee entstehen, es gäbe so etwas wie kämpfen auf Abstand. Es gibt zwar viele Kampfsportarten, die (Schein-) Bewegungen benutzen, wenn der Gegner noch (zu) weit weg ist. Im Ving Tsun ist es das primäre Ziel, keine unnötigen Bewegungen zu machen und so keine Energie zu verschwenden. Deshalb wird sich ein guter Ving Tsunner immer ökonomisch bewegen. Solange der Gegner noch zu weit weg ist, ist es vorteilhafter, physisch passiv zu bleiben- wohl aber alert! 

Man strebt danach, ausschließlich sinnvolle Aktionen auszuführen. Das bedeutet unter anderem, dass diese Aktionen erst dann gestartet werden, wenn der Gegner nahe genug ist, so dass sie dann auch Wirkung haben. „Nahe genug“ bedeutet, dass sich der Gegner auf weniger als eine Arm- oder Beinlänge Abstand befindet. Ist der Gegner nur einen kleinen Schritt weiter weg, kann ein erfahrener Ving Tsunner mit einem schnellen Schritt nach vorne gehen und gleichzeitig mit den Händen angreifen. Im Ving Tsun versucht man nicht, die Arme des Gegners zu verletzen, festzuhalten oder zu suchen.

Stattdessen richtet man sich primär darauf, in die Mitte des Körpers zu schlagen. Solchen Schlägen kann der Gegner nur schwer ausweichen. Ein derartiger Schlag ist nur dann stark genug, wenn der Schlagarm zum Zeitpunkt des Kontaktes mit dem Körper des Gegners noch gebogen ist. In diesem Moment erst beginnt der eigentliche Schlag. Das Ende der Schlagbewegung liegt nicht im Moment des Kontaktes, sondern ein kleines Stück hinter dem Treffpunkt. Ist Dein Arm vor Dir ausgestreckt, ohne dass Du den Gegner getroffen hast, erhält er die Möglichkeit, einen Gegenangriff zu starten oder Deinen Arm zu verletzen. 

Ein vollständig gestreckter Arm kann wenig Schaden anrichten; er ist mit einer leergeschossenen Pistole vergleichbar. Wirkungsvoll treffen ist etwas anderes als berühren. Es erfordert Mut und ausreichendes Vertrauen in die eigene Technik, so dicht beim Gegner zu stehen, dass Deine Schläge auch Wirkung haben, denn auf diese Entfernung haben auch die Schläge des Gegners Effekt! Im dem Moment, in dem Du den Gegner treffen kannst, kann er auch Dich treffen. Deshalb geht es darum zu lernen, den Angriff so auszuführen, dass man das Risiko so klein wie möglich hält. Es ist jedoch unmöglich, gegnerische Treffer völlig auszuschließen. Dabei ist es wichtig, im entscheidenden Moment nicht abzuwarten oder zu zögern. Es ist eine ganz natürliche Reaktion, bei einer 

Konfrontation mit einem Gegner zurückzuweichen, direkt nach hinten auszuweichen. Jeder Unerfahrene wird lieber auf Abstand bleiben. Wie aber jeder weiß, geht rückwärts laufen langsamer als vorwärts. Außerdem muss man beim Rückwärtslaufen mit Stühlen, Tischen, Autos, Fahrrädern und anderen Hindernissen rechnen, über die man stolpern kann. Oder es ist kein Platz zum ausweichen, weil da z.B. eine Mauer steht. Einige Kampfkünste versuchen, den Gegner durch Tritte auf Abstand zu halten. Den meisten dieser Tritte ist durch einen Schritt nach vorne oder hinten recht einfach auszuweichen. Ein kleiner Schritt nach hinten sorgt dafür, dass Du außer Reichweite bist; der Gegner kann die Entfernung ja nicht korrigieren, da er auf einem Bein steht. Ein Schritt nach vorne nimmt dem tretenden den nötigen Raum, den er braucht, um seinen Angriff auszuführen. 

Es ist wichtig, niemals passiv zu sein. Ein Gegner, der viele Tritte benutzt, ist weniger beweglich, denn man kann nicht gleichzeitig treten und laufen. Dies ist zugleich einer der wichtigsten Gründe, warum das Ving Tsun den Schwerpunkt stark auf die Hände legt. Die Beweglichkeit, das Gleichgewicht des Körpers und das schnell und kontinuierlich angreifen können mit den Händen verhelfen zu einem großen Vorsprung. Mit Erfahrung ist es manchmal möglich, in dem Moment, in dem der Gegner treten will, einen Schritt zum Gegner hin zu setzen und wirkungsvoll zu treffen.

Wähle jedoch den richtigen Augenblick zum angreifen, und greife nicht jedes Mal an, wenn der Gegner zum Angriff ansetzt. Es ist gar nicht schlecht, mehrmals nach hinten auszuweichen und dann den günstigsten Moment zum Angriff zu wählen. Will man nahe an den Gegner kommen, reagiert dieser oft mit ausweichen. Viele andere Kampfkünste streben nach Abstand. Gerade dann, wenn der Gegner ein guter “Treter” ist, ist das Gefühl für Entfernung und Timing sehr wichtig. Geht jemand nach hinten, kannst Du manchmal schnell nach vorne gehen und Deinen „Move“ machen.

Ving Tsun ist auch bekannt für das ausüben von Druck, das „hetzen“ des Gegners, so dass dieser keine Chance hat, seinerseits anzugreifen oder sich zu erholen. 

Letztendlich versucht ein Ving Tsunner, nach vorne zu gehen und nahe an den Gegner zu kommen. Dort, in Reichweite, kommen die Ving Tsun Aktionen zu ihrem Recht und zwingen den Gegner zu reagieren, das heißt, sich zu verteidigen. Dadurch gewinnt man Kontrolle über den Gegner, denn er muss sich an Dich anpassen. Durch den Druck der ununterbrochenen Angriffe nimmt die Wahrscheinlichkeit, dass er getroffen und ausgeschaltet wird, mit jeder Zehntelsekunde weiter zu. Diese Macht, die ein Ving Tsunner über seinen Gegner hat, wird immer stärker, je fortgeschrittener er im „Chi Sau“ ist. Chi Sau ist ein ganz spezielles Training, bei dem Kontakt mit den Armen verwendet wird, um sich in der Situation auf kleinem Abstand immer weiter zu entwickeln.