Ving Tsun versus Jeet Kune Do

Von da an wurde die Beziehung zu Wong hauptsächlich über Briefe fortgesetzt, abgesehen von gelegentlichen Besuchen Bruce´s bei seinen Eltern oder für einen Film In Honkong. Als Bruce anfing, in den Vereinigten Staaten Ving Tsun zu unterrichten, schrieb er oft an Wong, um bestimmte technische Details und Fragen zu klären. Während der weiteren Entwicklung seiner Kampfkunst und der Entwicklung des Jeet Kune Do, hielt er Wong stets auf dem Laufenden über seine Theorien und Fortschritte. 

Wong Shun Leung war der Typ Mann, auf den Lee sich beziehen konnte. Er war ein echter Kämpfer, der die Kampfkunst analytisch betrachtete. Als Lee endlich wieder nach Hong Kong kam, besuchte er Wong, und die zwei diskutierten 7 oder 8 Stunden lang über Theorie und Technik. 

Während dieser Marathondiskussion kurz vor seinem Tode sagte Buce Lee, dass er Jeet Kune Do vielleicht besser gar nicht erst entwickelt hätte. Als Wong ihn nach dem Grund fragte, erklärte Lee, dass Jeet Kune Do zwar ein hoch entwickeltes Kampfsystem sei, dass es aber in der Praxis anscheinend nicht echt funktionierte, weil es für einen Lehrer kaum möglich war, diesen abstrakten Stil mehreren Schülern mit unterschiedlichen Fähigkeiten beizubringen, und von ihnen zu erwarten, dass sie nicht völlig verwirrt würden. 

Bruce Lee selbst hatte auf traditionelle Art gelernt: erst hatte er in den Straßen gekämpft und Erfahrung gesammelt, und dann versucht, seinen Ideen ein neues Format zu geben. Er hatte Chi Sau gründlich trainiert, aber trotzdem war es schwierig, seine neue Methode strikt auf Ving Tsun aufzubauen. Es fehlte ein Glied in der Kette. 

Wong meinte, dass Lee möglicherweise versuchte, in zu wenig Zeit zu viel zu erreichen. Andererseits war Wong völlig einverstanden mit Lee´s analytischer Art. Um auf dem Laufenden zu bleiben, sollte niemand einfach alles akzeptieren, was ihm angeboten wird, ohne es auf seine Gültigkeit zu testen. Das war auch Wong´s Meinung. 

Wong Shun Leung and Bruce Lee on the set of 'Enter the Dragon'

Wong Shun Leung war, wie auch Bruce Lee, innovativ. Obwohl es so aussah, als ob er auf eine sehr konservative und autoritäre Art unterrichtete, war er bei genauerer Betrachtung sehr gerne bereit, jedem einen Rat zu geben und Fragen seiner Schüler zu erklären. Auch unterrichtete er „Westlinge“, was ganz gegen Yip Man´s Anweisungen war. 

Traditionell lehnten Chinesische Meister westliche Lehrlinge aufgrund zweier Faktoren ab: erstens Feindseligkeit, übrig geblieben vom Boxeraufstand, und zweitens die Tatsache, dass „Westlinge“ normalerweise viel größer und stärker sind als der durchschnittliche Chinese. Wegen dieses Vorteils wäre es logisch anzunehmen, dass ein Westling bei gleichem technischen Niveau einen Chinesen besiegen würde.