Technik-Denken

Unter Aktiven verschiedener Kampfkünste wird häufig die Frage gestellt, ob die Bewegung
X oder Y im Ving Tsun Kung Fu vorkommt. Man kann das Technik-orientiertes Denken nennen. Gemeint ist ein Gedankengang wie etwa der folgende:“ Wenn der Gegner die und die Bewegung macht, kann ich dann mit der und der Bewegung einen Gegenangriff machen?“ Weitere Beispiele sind z.B.: „Wie kann ich einen Boxer, einen Karateexperten oder einen Aikido-Mann abwehren? Was muss ich gegen Thaiboxen tun?” Die Reihe solcher Fragen ist endlos. 

Kurzum, beim Technik- orientierten Denken versucht man sich vorzustellen, welche Technik der anderen überlegen ist. Diese Art zu denken, obgleich notwendig für den Anfänger, wird letztendlich durch mehr abstraktes Denken ersetzt werden müssen. 

Versuche Dir den Gegner vorzustellen als eine Kraft, die auf Dich zukommt. Du brauchst grundlegende Werkzeuge wie Mobilität, Timing und Abstandsgefühl, um mit dieser Kraft abzurechnen. 

Es ist in etwa mit der einfachen Art und Weise vergleichbar, in der z.B. in der Natur ein Tier angreift. Tiere verwenden allgemein gültige, angelegte Kampfprinzipien. Genauso verwendet man im Ving Tsun allgemein gültige Prinzipien und Grundbegriffe im Umgang mit jedem beliebigen Gegner, unabhängig seines Hintergrundes. 

Das primäre Ziel ist es, den Gegner so schnell und hart wie irgend möglich zu treffen. Die Erfolgschance ist dann am größten, wenn man das auf eine ökonomische Art und Weise tut. Hält man sich nicht daran, merkt man die Konsequenzen sehr schnell. Technik- orientiertes Denken begrenzt die Möglichkeiten. Im Ving Tsun ist es nicht die Methode, die einen begrenzt, sondern sind es eher die eigenen Gedanken. 

Es ist ein Missverständnis zu glauben, dass uns das Ving Tsun nur eine bestimmte Anzahl an Möglichkeiten gäbe, und dass es beispielsweise kein Ving Tsun sei, den Gegner festzuhalten. Es kann fatal sein, Ving Tsun zu einem Stil zu machen und sich diesem Stil dann unterzuordnen. 

Ein Ving Tsunner muss lernen, seine Fertigkeiten jedem beliebigen Angriff anzupassen.

Wong Shun Leung in Holland

Um ein Niveau zu erreichen, auf dem man nicht durch das System begrenzt wird, ist es notwendig, das eigene Ego wegzulassen. Dann kann man spontan auf den Gegner reagieren. Nur wenn es auf Entspannung, Geschmeidigkeit und dem Vorwegnehmen der Bewegungen des Gegners basiert, wird Ving Tsun effektiv funktionieren.

Aus diesem Grund sagte Bruce Lee: “Have no way as your way and have no style as your style”. Dies bedeutet nicht, dass man zehn verschiedene Stile vermischen sollte, sondern dass man sich innerhalb des Systems nicht wie ein Roboter bewegen darf. Während des Trainings ist größte Sorgfalt in den Techniken geboten; in der Praxis aber kann man sie flexibel anwenden. 

Zu Anfang lernt man Ving Tsun auf sehr systematische, strukturierte Weise. Da aber alle Struktur sich irgendwann selbst begrenzt, muss sie später dem vollständigen Vertrauen auf Prinzipien und Gefühl weichen.