Chi Sau

Bei manchen Bewegungen, wie zum Beispiel beim Abblocken eines Angriffs, wird der Gegner den Arm des Angreifers aus der Richtung des anvisierten Zieles zwingen. Es kostet mindestens ein paar Sekundenbruchteile, bis man seinen Arm wieder in die richtige Richtung des Angriffs zurückgebracht hat. Beim Chi Sau lernt man, wie man diese Trägheit überwinden kann, so dass der eigene Angriff niemals auch nur einen Zentimeter vom gewünschten Weg abweicht. Es ist eine sehr schwierige Übung, aber nach jahrelangem Training entstehen erstaunliche Geschmeidigkeit und Elastizität der Muskeln und eine enorme Kontrolle über die Reflexe. 

Andauerndes Chi Sau Training entwickelt auch die Strategie. Man fängt an, ein Muster zu erkennen in den Bewegungen des Gegners, und den richtigen Angriffswinkel zu fühlen. Nach Wong´s Meinung ist es die höchste Errungenschaft im Ving Tsun, in der Lage zu sein, es dem Gegner zu überlassen, einem zu zeigen, wie man ihn angreifen und besiegen kann. 

Ähnlich wie Wong selbst, als er zum ersten Mal Yip Man´s Schule betrat, wird mancher westliche Boxer behaupten, Chi Sau sei wertlos in der Auseinandersetzung mit einem erfahrenen Boxer westlichen Stils. Wong fand, dass die meisten Boxer die hintere Hand in einer nachteiligen Position haben, weil deren Abstand zum Gegner größer ist. Der Jab ist schnell und effizient, aber nur dann, wenn der Gegner in Reichweite ist. Genau dann aber geht der Ving Tsun- Mann nahe heran. Einmal im Nahbereich, treffen die zwei Chi-Sau trainierten Arme auf den einen, vorderen Arm des Boxers. Um dieses Ungleichgewicht auszugleichen, haben viele Boxer ihren Stand verändert und greifen den Gegner mehr frontal von vorne an.